1. August in New York: Hotdog statt Bratwurst

[Kultur]
Wie bereits in der Tagesschau , in der NZZ und vielen anderen Schweizer Medien berichtet, wurde am 29. Juli in New York mit viel Fanfare, bzw. Alphorngeblase der erste August auf Ellis Island gefeiert. Ein paar Impressionen:



Da die ehemalige Empfangshallen für Immigranten auf Ellis Island eine Sehenswürdigkeit von nationaler Bedeutung darstellen, musste sich das Schweizerfest an die strikten Bedingungen für Anfahrt (nur mit der offiziellen Circle Line-Ferry möglich) und Kontrolle (Anmeldung mit genauem Namen 48 Stunden im Voraus, Sicherheitsbestimmungen wie am Flughafen) halten. Mit anderen Worten: man fühlte sich schwer an die Verballhornung der Nationalhymne "Trittst im Morgenrock daher..." erinnert, als man am Samstag früh aufstehen musste, um rechtzeitig auf die Fähre (nur von 9-11) zu gelangen.

Dort angekommen, stellte sich heraus, dass allen 2000 angereisten Schweizern der Magen zur gleichen Zeit zu Knurren begann. Leider waren die Caterer vom Ansturm masslos überfordert und es entstand eine stundenlange Bratwurst-Schlange.



Wobei sie eher die Form einer dieser endlosen Ringwürste annahm.....



Wer keine Lust hatte, bei 35-40 Grad Hitze mehr als eine Stunde anzustehen, ging halt in die klimatisierte Museumscafeteria und verzehrte im schattigen Garten davor einen zweitklassigen amerikanischen Hotdog. Von dort aus präsentierte sich dafür das Schweizer Postauto besonders schön vor der Manhattan Skyline...



...und liess sich ein Plakattransport ("How Swiss is America?") à la Monsieur Hulot (Jacques Tati) beobachten....



Der ganze Anlass fand im Zeichen von Swiss Roots statt, der neusten Schweizer PR-Bemühung und einer der bisher überzeugendsten Aktionen der Präsenz Schweiz in New York, zumal das Interesse an Genealogie in Amerika gegenwärtig floriert. Sie wurde grossenteils vom amtierenden Generalkonsul in New York, Botschafter Raymond Loretan, initiiert.

Nebst Bundesrat Couchepins offizieller Rede zur Eröffnung der Ausstellung über berühmte Schweizer Einwanderer "Small Number - Big Impact" war sicher der Auftritt der Countrysängerin Jewel, alias Jewel Kilcher und ihres Vaters Atz Kilcher, die über Schweizer Wurzeln verfügen, ein Highlight. Das Swiss-Roots-Team erhofft sich zu Recht, dank solcher Celebrities - wie auch mit der medienträchtigen Schweizer Reise des Football-Spielers Ben Roethlisberger - grössere Wellen zu schlagen.





Für die bitternötige Verbreitung eines fazettenreicheren Gesichts der Schweiz, das über das elende Klischee Schokolade-Käse-Uhren-Bankgeheimnis hinausgeht, ist allerdings die Ausstellung "Small Number - Big Impact" des Migrationsmuseum geeigneter.



Die Ausstellung präsentiert die Errungenschaften von Schweizer Einwanderern verschiedenster Gebiete und Generationen: Sie reicht von Robert Frank, Louis Chevrolet, Adolph Rickenbacher (Erfinder der elektrischen Gitarre), Elisabeth Kübler-Ross (Sterbeforscherin) und dem Ingenieur Othmar H. Amman, der die wichtigsten Brücken von und zu Manhattan gebaut hat, bis zu Marc Forster (Hollywood-Filmregisseur) oder Johann August Sutter, einem frühen Einwanderer und Abenteurer aus der Schweiz.



Mit ihrer Situierung im dritten Stock des Ellis Island Museums für den Durchschnittsbesucher leider etwas abgelegen - besonders da der Lift nicht zu funktionieren scheint - lässt sich wünschen, dass sie dennoch von genug der erhofften 60 000 Besuchern wahrgenommen wird. Mehr Leute wird dagegen sicher das dazu erschienene attraktive Buch mit gleichem Titel (NZZ-Verlag) erreichen. Die Ausstellung wird im Frühjahr 2007 im Zürcher Landesmuseum zu sehen sein. Projektleiter ist Markus Hodel. Das Migrationsmuseum ist vorläufig noch kein physisch existierendes Museum, sondern ein Verein, der bereits 1998 gegründet wurde und dessen Präsident der bekannte Schweizer Filmregisseur Samir ist. Eine Einladung des Ellis Island Immigration Museums, eine Ausstellung über die Schweizer Immigration in die USA zu machen, war für das ganze Swiss Roots-Projekt ausschlaggebend.

Wolkenkratzer: Hearst-Tower

[Architektur]
Die neue, fast fertige Hearst Tower an der 8th Avenue und 57th Street gibt viel zu reden. Im dreidimensionalen Zickzack sticht der 46stöckige Turm kontrastreich aus dem 1928 gebauten, sechsstöckigen Grundgebäude heraus und bietet ein innovatives, fast aufmüpfiges Gegenbeispiel zur oft eher langweilig ausfallenden "Corporate architecture" in Manhattan. William Randolph Hearst hatte sich einen auffälligen Turm gewünscht, Architekt Lord Norman Foster hat ihn fast 80 Jahre später verwirklicht.

Foto-Galerie Hearst Tower

Hearst Tower Projekt-Seite

Whitney-Geburtstag:

[Kunst]
Alte Bekannte in neuer Kombination finden sich in der Sommer-Ausstellung zum 75. Jubiläum des Whitney Museum of American Art, das wie der Name sagt, nur amerikanische Künstler sammelt. Durch ihre thematische statt etwa chronologische Ordnung bringt die Ausstellung sehr bekannte Werke mit relativ unbekannten zusammen und zeigt manche Widersprüchlichkeiten der modernen amerikanischen, etwa von befreiter Malerei bis politisch korrekter Selbstzensur auf. Auf zu erwartende Evergreens wie etwa Serien von Hopper, Calder, Man Ray oder Warhol muss man dennoch nicht verzichten.

Edward Hopper: A Woman in the Sun (1961), Early Sunday Morning (1930), Railroad Sunset (1929)







Andy Warhol: Green Coca Cola Bottles (1962)



Man Ray: La Fortune (1938)


Robert Bechtle: 61 Pontiac (1968-69)



Alexander Calder: LIttle Clown, the trumpeter from Calder's Circus, 1926-31

Times Square Snapshot:

[Kunst]
So sieht der gleiche Ausschnitt des Times Square dagegen in einem Vulgär-Schnapschuss aus wie er wohl tausendfach pro Tag produziert wird.

Das Spiel mit der Wahrnehmung: Atta Kims Fotos

[Kunst]
Die Ausstellung "Atta Kim: On Air" ist die erste Soloausstellung des koreanischen Künstlers Atta Kim in New York. Kim führt uns darin eine ungeahnte Seite der Dinge vor, die er durch extrem lange Belichtungszeiten erreicht. So ist sein Time Square - Tag und Nacht der vermutlich am stärksten bevölkerte Platz New Yorks - bis auf ein paar vage Lichter und Schatten völlig leer, weil die Menschen und Autos, die vorbeihuschten nur einen verschwindend kleinen Bruchteil der 8-stündigen Belichtungszeit anwesend waren.

Times Square, 8 Hours, 2005, C-print © Atta Kim


Andere Bilder zeigen weitere Strassenkreuzungen, eine lebende Götterstatue oder etwa ein Liebespaar - eine Art Wolke, in der nur noch Beine zu erkennen sind. Kim's Technik ist nicht unbedingt neu, aber er wendet sie mit besonders überraschender Wirkung und auf interessanten Motive an. Ebenso gespenstisch wie attraktiv wirkt etwa die gelbe Wolke im nächtlichen Himmel von "Monologue of Ice" 24 Hours, 2004, C-print © Atta Kim



Das Foto entstand, indem ein schmelzender Eisblock während 24 Stunden aufgenommen wurde. ICP bis 27. August.

Sehen und gesehen werden:

[Sonstiges]
Weiter zum Thema Wochenendaktivitäten in New York: eine zentrale Rolle spielt der Union Square Farmers Market, der zwar viermal pro Woche (Mo, Mi, Fr, Sa) stattfindet, am Samstag jedoch am meisten Verkaufsstände und Kunden anzieht. Nicht nur ist dies der einzige Ort in New York, wo man eine grosse Auswahl lokal angebauter Gemüse und Früchte findet, (einheimische Tomatensorten, reife, weisse Pfirsiche, hausgemachten Joghurt) und Blumen findet. Weil der Markt so attraktiv ist, trifft man unweigerlich auch Bekannte an, ob man das nun vorhat oder nicht. Ein bisschen wie in Zürich, wo man am Samstag vor Ladenschluss in der Migros am Limmatplatz oft mehr Leute antrifft als an der schicksten Party......

Union Square, Blick nach Osten (New York Film Academy im Hintergrund)


Union Square, Blick nach Westen, mit einigen der ältesten Gebäude am Union Square im Hintergrund


Blumenstand am Union Square Farmers Market

Aperçu: Heidi im Hudson Valley

[Sonstiges]
Das Wochenendritual im Sommer in New York ist, entweder in die Hamptons zu fahren, oder ins Hudson Valley, d.h. den berühmten Fluss und dessen Einzugsgebiet hinauf in den Norden. Seit die Hamptons stets so überlaufen sind, gilt das Hudson Valley als Alternative. "Entdeckt" wurde es aber schon lange und zog u.a. im 19. Jh. die Landschaftsmaler der später so bezeichneten Hudson Valley School an, die man etwas ungenau als Amerikas Impressionisten bezeichnen könnte. Heute gelten immer weiter liegende Ortschaften des Hudson Valleys sogar als Pendler-Wohnstätte für New Yorker. Umso mehr erstaunten deshalb die zwei in Brewster - weniger als 1.5 Std. nördlich von Manhattan gelegenen Motels: Das eine, als Chalet gestylt, hiess "The Ski Hut", das andere, ein einfaches Motel "Heidi's Inn". Zwar befindet sich in der Nähe ein Idiotenhügel mit Skilift, doch abgesehen davon, ist das nächstbeste Skigebiet, das diese Bezeichnung verdient (ganz im Norden von New York, Connecticut, in Massachusetts oder in Vermont) mehrere Autostunden weit weg. Kaum vorstellbar, wer dort absteigen würde.

Warm Up! Party

[Sonstiges]
Die Warm Up! Parties sind offenbar vom Observer in London zur besten Beach-Party ernannt worden. Auf dem Blog von Current Studio findet sich zudem ein Video und Kommentare: Current Studio

Zudem ist im P.S. 1 die Ausstellung Into Me/Out of Me eröffnet worden. Der Ausstellungstitel ist sehr wörtlich zu verstehen und bezeichnet Arbeiten seit den70er Jahren, die sich mit den elementarsten Körperfunktionen/-flüssigkeiten auseinandersetzen, darunter Arbeiten von Carolee Schneeman, Andy Warhol bis zu Robert Gober.

Andy Warhol: Oxidation Painting, 1978, Metallische Pigmente, Urin, Acrixl auf Leinwand.