Herrschaftlicher Katzensitz:

[Architektur]
Während rund um mich die (Finanz-)Welt zusammenbricht, ein paar Aperçus aus ganz anderen Gefilden. Zuerst – sorry – ein Jöö-Geschichtli von Mösiö Blog-Kollega Anton Erni im Blog des Z-Magazins: Die Katze, die in einem Einfamilienhaus in Winterthur eine herrschaftliche Katzentreppe besitzt und von ihrem Hochsitz aus auf ihr Territorium blickt.Offenbar hat der Bauherr, bzw. der Architekt, trotz nüchtern-modernistischem Credo, wie das schlammgraue viereckige Gebäudeteil nahelegt, auch Sinn für Verspieltes, wie es sich für einen Katzennarr schliesslich auch gehört.

Blick aus der Ferne I: Schweizer Küchen: Etruskische Gräber?

[Design]
Apropos nüchterne Architektur: Aus der kulturellen Distanz in Amerika, wo der vorherrschend als erstrebenswer geltende Einrichtungsstil grob als „viktorianisch“ beschrieben wird (Sprich: 19. Jahrhundert, Schnörkel, Blumenstoffe, Chintz, oder: ein Blick in irgendeine Ausgabe von Architectural Digest), wirkt das Schweizer Design oft etwas gar kahl. Ich kapier das mit den klaren Linien, Form follows Function, Ornament ist Sünde und semiotische Bezüge, aber muss eine Küche wie ein Mausoleum aussehen? Ich will ja darin allenfalls Fleisch zubereiten, nicht Tierleichen sezieren........

Blick aus der Ferne II: Trockenblumenarrangements

[Design]
Mit dem amerikanischen „viktorianischen“, „New England“-Geschmack geht jeweils ein Hang zu munggelig-gräutscheligen Graupastellfarben einher (Man denke an ein Trockenblumenarrangement im Pseudo-Wedgewood-WC): Bei Bettlaken, Badetüchern etc. ist das Hellblau meist so ein 50er Jahre-Gute-Form-Graublau statt eines leichtfüssigen Capri-Helltürkis oder eines wortwörtlichen Himmelblaus. Und Rosa ist statt dem frischen Bébé-Rosa oft ein fleischiges Lyonerwurst-Rosa oder aber ein halbtotes Altrosa. Mein latentes Europa-Heimweh äussert sich dann manchmal in solch halbbewusst getätigten Einkäufen, wie z.B. im italienischen Spezialitätengeschäft:

Dunkle Schokolade mit Kakaonuss-Splittern aus dem Piemont:



Leone-Pastillen mit Veilchen-Aroma (eine Art Vorläufer von Tic-Tac) aus Turin:
(Marca Leone, gegr. 1857)

Wirtschaftskrise: Aus für den Luxus-Wohnungsmarkt?

[Sonstiges]
Nouvel, Koolhaas, Herzog & de Meuron sind nur drei der berühmtesten Architekten, die kürzlich für Luxus-Wohntürme in New York engagiert wurden. Weil irgendwann auch der grösste Banause unter den Projektentwicklern entdeckt hatte, dass ein grosser Name bei der internationalen Klientel zieht, werden sie (wenigstens bezüglich dieses Trends) etwas despektierlich „STARCHITECTS“genannt.

Doch was passiert jetzt mit all diesen Glastürmen? Abgesehen von arabischen Scheichen und anderen Representanten der internationalen Schickeria, gehörten bisher vor allem auch junge Investment-Banker zum Zielpublikum. Das waren jeweils knapp dreissigjährige Männer, die auf Jahresende einen Bonus in zweistelliger Millionenhöhe kassierten und sich damit ein sogenanntes „Trophy-Apartment“ ergatterten - eine Wohnung, die eine atemberaubende Aussicht hat, von einem berühmten Architekten gebaut wurde und über jeglichen Luxus verfügt. „Das Trophy-Aparmtment ist der ultimative Luxusgegenstand für Leute, die bereits genug Pelzmäntel, Diamanten, Autos und Yachten besitzen und ihren Freunden Eindruck machen wollen“, erklärte einst Michele Kleier, Präsidentin der Broker-Firma Gumley, Haft, Kleier, die entsprechende Kunden bedient.



"Downtown by Philippe Starck" im ehemaligen JP Morgan Gebäude im Financial District

Oft wurden diese Wohnungen auch an traditionell unüblichen Lagen gebaut, z.B. im Financial District im ehemaligen JPMorgan Gebäude oder am südlichen Ufer des Hudsons. Damit waren sie für Familien weniger interessant, weil sich die besten Privatschulen New Yorks, wie Dalton oder Trinity, alle an der Upper East Side befinden. „Eine Weile lang mag ein junges Ehepaar seine Kinder bis zur Upper East Side chauffieren lassen, doch irgendwann ist das einfach nicht mehr praktisch und sie suchen sich eine Wohnung Uptown“, erklärte dazu Jackie Teplitzky Vizepräsidentin bei der Brokerfirma Prudential Douglas Elliman. Kirk Henckels, Direktor der Brokerfirma Stribling & Associates vermutet, dass vor allem der Markt für die modernen Luxus-Eigentumswohnungen leiden wird. Die nobelsten Wohnhäuser der Park Avenue, die bereits in den Zwanziger und Dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut wurden und in denen DIE Gesellschaft lebt, werden sowohl wegen ihres superreichen Bewohner sowie wegen ihres Status kaum an Wert oder Interessenten verlieren.



Wie die wahren Snobs wohnen: Exemplarische Park-Avenue-Luxuswohnung in einem der begehrtesten Wohnhäuser New Yorks aus der Art Déco-Zeit.

Eine Krise wie sie Ende der achtziger und anfangs neunziger Jahre herrschte, sei kaum wahrscheinlich, sagt Jonathan Miller von Miller Samuel, einer Firma, die unabhängige Schätzungen von Wohnungen vornimmt, zur New York Times: „Damals hatte zuvor ein riesiger Bauboom stattgefunden, der einen Überschuss an Wohnungen produzierte“, erklärt er. Diesmal seien aber die Geldgeber vorsichtiger gewesen und hätten nicht alle Projekte unterstützt. Mein unwissenschaftlich und statistisch nicht weiter belegter Eindruck widerspricht dem allerdings massiv. In den letzten fünf Jahren schossen Glastürme für Luxuswohnungen wie Unkraut an allen Ecken und Enden Manhattans hoch, auch nachdem der Immobilienmarkt im restlichen Land bereits in der Krise steckte. Ein weiterer Broker, Robert A. Knakal, weist auf den Bestand leerer Mietwohnungen hin, der in den neunziger Jahren 5% betrug, jetzt aber nur 1%. Auch setze sich die Käuferschaft aus anderen Finanzbranchen wie Hedge Funds zusammen statt aus Managern von grossen Banken.

Allerdings haben Broker Kaum Interesse daran, ein desaströses Bild ihrer Branche zu malen. Unbestritten wird die Anzahl junger Banker mit obszönen Vermögen radikal schrumpfen: Letztes Jahr wurden noch 33 MILLIARDEN Dollar Boni an Investment Banker ausgezahlt, ein grosser Teil davon Angestellte der Banken, die jetzt bankrott sind.....

Rem Koolhaas: Himmelsleiter oder Treppe ins Nichts?

[Architektur]
30 Jahre nachdem sein Buch "Delirious New York" veröffentlicht wurde (1978), kommt Rem Koolhaas endlich mal dazu, in New York zu bauen. Koolhaas hatte zuvor New York etwas abgeturnt den Rücken gekehrt, speziell nachdem sich die jahrelang gehegten Pläne, den Anbau/die Erweiterung für das Whitney Museum zu bauen, zerschlugen. Seine jüngste Gelegenheit kam in eher merkwürdiger Gestalt daher: Die Projektentwickler Marc Jacobs und Ira Shapiro der Firma Slazer hatten an der 23. Strasse, vis-à-vis des
Glockenturms der Met Life (Metropolitan Life Insurance), wo die Madison Avenue beginnt, einen 24 stöckigen Wohnturm geplant. Als sich die Wohnungen dort so gut verkauften, spielten sie mit dem Gedanken, gleich daneben nochmals einen Wohnturm zu bauen. Die zwei Häuser würden eine gemeinsame Lobby haben. Dazu brauchten sie aber einen Architekten mit viel Flair für unkonventionelle Lösungen, daher die Wahl von Koolhaas. Dieser nahm die Herausforderung gerne an und entwarf bald beide Türme, den geraden an der 23. Strasse und einen zweiten, der bis an die 22. Strasse grenzt und an dem die Stockwerke wie Treppenstufen versetzt in die Höhe steigen - eine Treppe, die als Himmelsleiter betrachtet werden, oder in Anbetracht der gegenwärtigen Wirtschaftslage auch als Treppe ins Nichts...

Blick nach Süden


Blick nach Norden


Blick nach Süden


Blick nach Norden (22. Strasse)

Herzog DeMeuron: Hochhaus in Manhattan

[Architektur]
Herzog DeMeuron haben den Auftrag gefasst, an der Ecke Leonard/Church Street im Quartier Tribeca in Downtown Manhattan zu bauen. Der 57stöckige Turm wisrd 145 Eigentumswohnungen enthalten. Jede dieser Wohnungen wird ihren eigenen Grundriss haben, denn das Hochhaus reckt sich nicht aalglatt zu den Wolken, sondern scheint aus aufeinander geschichteten einzelnen Etagen zu bestehen. Diese "unruhige" Anordnung bewirkt für jede Wohnung optimale Aussichten und ermöglicht auch, dass jede Wohnung über ihre eigenen Aussenräume/Balkone verfügen wird.

"Aufeinander gestockte Villas":


Credit: Copyright Herzog & de Meuron, Basel, 2008

Das Gebäude steht auf Pfeilern, was auf Strassenebene - so die Pressemitteilung - "eine Durchlässigkeit zwischen öffentlichem und privatem Raum bewirkt". Mit den voraussichtlichen Wohnungspreisen von 3 bis 33 Millionen Dollar ist diese jedoch bestenfalls symbolisch aufzufassen.
Immerhin wird auf Strassenebene eine Skulptur des international gefeierten Künstlers Anish Kapoor aufgestellt werden, an der sich auch das vorbeimarschierende Fussvolk freuen werden kann. Das Projekt soll 2010 bezugsbereit sein. Für das Architektenteam ist es das zweite private Wohnhaus in Manhattan. Das erste ist das von Hotelier Ian Schrager in Auftrag gegebene Wohnhaus an der Bond Street in NoHo.

Penthouse:

Credit: Copyright Herzog & de Meuron, Basel, 2008

Lobby mit Skulptur von Anish Kapoor:

Credit: Copyright Herzog & de Meuron, Basel, 2008

Verkehrsberuhigende Massnahmen New Yorker Art:

[Sonstiges]
Wo der Broadway, der als einzige Strasse New Yorks diagonal durch das Strassenraster führt, die Avenues kreuzt, sind jeweils Plätze entstanden: Columbus Circle, Times Square, Herald Square, Madison Square und Union Square. In den engen Spickeln, die beim Kreuzen der Sicherheitslinien entstehen, wurden nun kürzlich eine Art Pärke installiert: Sandfarbiger Astroturf, Stühle, Sonnenschirme und vor allem Velowege.

"Unterhalb", d.h. südlich des Times Squares, Broadway zwischen 40. und 42. Strasse:



und


Madison Square zwischen Broadway und Fifth Avenue, südlich steht das Flatiron Building, nördlich das Empire State Building:





Velowege sind aber weiterhin nur sehr bruchstückhaft vorhanden. Besonders gefährlich ist aber nicht nur die Nichtexistenz dieser, sondern, dass die Autofahrer sich den Umgang mit den Velofahrern zuwenig gewöhnt sind, weshalb jeweils der ungebremste Darwinismus herrscht ("Ich bin grösser und stärker, deshalb habe ich Vortritt.").

Aber wie Figura zeigt, Anstrengungen werden gemacht, den Verkehr irgendwie sittlicher zu gestalten. Nur sind wir da nicht in Paris beim Jardin des Tuileries oder so, sondern mitten in New York zwischen zwei Avenues. Es ist bedingt gemütlich, ein bisschen wie Camping an der Autobahn.

Blick nach Norden, Verkehr des Broaways:

Addendum Events: Galerien Vernissagen Chelsea

[Kunst]
Sue Williams @ Zwirner Sept. 11

John Mc Cracken @ Zwirner Sept. 11

Doug Aitken @ 303 Sept. 20

Jean-Baptiste Huynh @ Sonnabend, Twilights, mirrors, meterorites

Michael Thompson @ Hasted Hunt, Sept. 4

Fotografie auch: Guggenheim Museum Catherine Opie Sept. 26

Saisonwechsel: Last Call for Exhibits

[Kunst]
Seit dem Labor Day Weekend (1. Sept) ist in New York der Sommer offiziell
vorbei. Ähnlich wie die "Rentrée" in Frankreich, bedeutet "Back to School"
nicht nur, dass die Schulen wieder beginnen, sondern das städtische Gesellschaftsleben überhaupt. Nach Open-Air-Kinos und Summer-Stage-Anlässen, finden
ab heute bis Mitte Monat sämtliche Vernissagen für die neuen Ausstellungen,
Neueröffnungen von Clubs, Restaurants und Bars, sowie die Modeschauen der Fashion Week statt.

Dieses Jahr spielen sich all diese Events ausserdem noch vor
dem Hintergrund der ungleich viel wichtigeren Präsidentschaftswahlen ab, mit
der man als hardcore Newsjunkie schon jetzt problemlos 24 Stunden am Tag
füllen könnte.....

Ach ja, übrigens ist der Sommer nur dem Kalender nach vorbei, nicht
bezüglich Temperatur, die heute wieder gut über 32 Grad ist. Man darf sich darauf freuen, an den Modeschauen die von auswärts angereisten Fashionistas,
Moderedaktorinnen, Einkäufer etc. zu bedauern, die bei diesen Temperaturen
tapfer ihre brandneue Herbstgarderobe möglichst mit hohen Stiefeln vorführen werden, während das Fussvolk des New Yorker Modezirkels im dunklen Sommerkleidern, die möglichst nicht nach Sommerkleidern aussehen und Flipflops von Show zu Show rast (Flipflops natürlich nur auf der Strasse).

Aber nun zu den Events: Zuerst mal die, die man noch schnell sehen kann, bevor sie schliessen. Last Call gilt für:

-Louise Bourgois im Guggenheim (bis 28. September, Achtung: Donnerstag
geschlossen)

-Action/Abstraction: Pollock, De Kooning, Aermican Art 1940-1976 Im Jewish
Museum, bis 21. September, Freitag geschlossen)

-J.M.W. Turner im Metropolitan, bis 21. September, jeweils Montag geschlossen

-Paul McCarthy im Whitney bis 12. Oktober

Dummenglisch: Staycation

[Sonstiges]
Ekkehard Henscheid schrieb in den achtziger Jahren ein Buch mit dem Titel "Dummdeutsch", das wie ein Lexikon strukturiert war, wobei er Modewörter wie "Betroffenheit" oder "Verarbeitung" satirisch deutete. Beim Orell Füssli war das Buch auch voll unter den Wörterbüchern im 3. Stock eingereiht....
In diese Sparte gehört auch das Wort "Staycation", das in der Hundstage/Saure Gurkenzeit herumgereicht wurde und selbst der New York Times 1-2 Artikel wert war. Es bedeutet nur, dass viele Amis diesen Sommer wegen der Ölpreise ihre Ferienziele näher am Wohnort gewählt haben und beispielsweise auch nur Tagesausflüge unternommen haben. Daher "Staycation" = "Staying at home" oder "vacationing at home". Originell, nicht?