Auf der angestrengten Suche nach Veränderungen im Konsumverhalten und anderen Aspekten der Lebensart, die als Reaktionen auf die Wirtschaftskrise gedeutet werden können, bringen Zeitgeistmesser und Trendanalytiker immer wieder auch peinlich triviale Geschichten hervor. So war der New York Times am 24. März eine Geschichte über den angeblich wegen der Krise gestiegenen Konsum von billigen Schleckwaren einen Artikel auf der Titelseite wert! Darin wurde spekuliert, ob Zucker wegen seiner biologisch-chemischen Wirkung vermehrt konsumiert werde, oder ob Schleckwaren an die Geborgenheit in der Kindheit erinnerten, oder ob sie als erschwingliche Mini-Frivolität den Konsum von teureren Sachen ersetzen. Für die Hersteller von Zuckerwaren sei das Geschäft nämlich auch während der Depresson gut gelaufen. Im Vergleich dazu wirkt der „Lippenstiftindex“, den die New York Times wiederholt zitiert, etwas überzeugender, weil er eine Spur spezifischer ist (was ist schon süss?): In schlechten Zeiten kauft frau sich statt der Kaschmirjacke einen Lippenstift in der neuen Modefarbe. Dies verleiht der Käuferin das Gefühl, sich etwas neues und (je nach Preislage) luxuriöses angeschafft zu haben, ohne dass sie damit eine persönliche Budgetkrise riskiert. Letztendlich bleibt aber das meiste Spekulation.
Selbst beim etwas ernsthafteren, aber ähnlich schwer überprüfbaren Thema der Panikattacken auf der heutigen Titelseite der New York Times: Darin wird über Menschen berichtet, die unter Panikattacken und Phobien leiden und die diese als Reaktion auf die Krise deuten. Als Beispiele werden dabei ausgerechnet (oder folgerichtig?) Menschen vorgestellt, die bisher weder ihren Job, noch ihr Vermögen verloren haben. Vielleicht liegt es im Unterschied zu den Bewohnern kalifornischer Tent-Cities daran, dass sie überhaupt noch etwas zu verlieren haben! Es stellt sich aber auch die Frage, ob diese Menschen unter anderen Umständen nicht ebenso unter Phobien leiden, diese aber anders begründen würden.
Weiter (= am doofsten) im Lifestyle und in derselben Zeitung wird im Ressort Styles der heutigen Ausgabe auch über einen aus Chicago kommenden „Trend“ namens Doga berichtet. Der Name setzt sich aus „Dog“ und „Yoga“ zusammen und ist eine Art MuKi-Yoga für Hundebesitzerinnen (es scheinen vor allem Frauen davon angetan zu sein). Einfach gaga.
O.k., ich gebe es ja zu. Habe selber auch schon öfter mal über diesen oder jenen dümmlichen Trend geschrieben. Aber ernst nehmen? Mit einem "seriösen" Artikel veredeln? Ich weiss nicht. Irgendwo (vielleicht wars in der New York Times?) hab ich mal gelesen, dass wenn drei voneinander unabhängige Menschen dasselbe tun, "man" (d.h. Lifestyle Journalisten!) von einem Trend sprechen darf, woran ich mich immer gehalten hab. Beispielsweise als ich innerhalb weniger Tage bei zwei Freunden in der Schweiz als WC-Lektüre je eine Bibel vorfand.... (zwei? drei? who cares? same difference!)