Warum die Upper East Side viel Newyorkischer ist als das Meatpacking District und Queens viel grossstädtischer als Brooklyn
Noch vor der Wirtschaftskrise, als an allen Ecken und Enden Manhattans Luxus-Wohntürme wie Pilze aus dem Boden schossen, vertrat ich die These (Typ „Partygespräch“), dass die Upper East Side mittlerweise viel typischer für Manhattan sei als alle anderen Neighborhoods, wie die Lower East Side, oder das Meatpacking District, die in den letzten Jahren drastische Veränderungen durchgemacht haben. In gewissen Gegenden ist alles mit Luxuswohntürmen und den entsprechenden Geschäften zugekleistert, dass kaum noch Läden mit normalen Gebrauchsartikeln zu finden sind. Stattdessen sind die Ladenfronten dieser Quartiere von teuren Modeboutiquen, Möbelgeschäften und mehrbesseren Spas und Geschenkläden in Beschlag genommen. Obwohl, auch Multimillionäre, die sich solche Superwohnungen leisten können, vielleicht mal auf dem Heimweg einen Liter Milch oder ein Bier kaufen möchten........ Doch die Mieten sind für Quaratierläden einfach viel zu hoch. Dem gegenüber gibt es an der Upper East Side, ab der Lexington Avenue immer noch kleine chemische Reinigungen, die auch Änderungen vornehmen und Frisörsalons, die wirken als wären sie seit Generationen dort ansässig. Dasselbe gilt für Bäckerein und sogar für Apotheken - speziell bemerkenswert, zumal auch im übrigen Manhattan (und ausserhalb sowieso) Apotheken praktisch nur noch in den Filialen der landesweiten Drugstore-Ketten zu finden sind. Meine Erklärung dazu geht etwa so, dass während des letzten Baubooms zwar auch an der Upper East Side Luxuswohntürme gebaut wurden, diese Gegend aber schon immer luxuriös war, weshalb sie viel weniger grundsätzliche Veränderungen durchgemacht hat als andere.
Chinesischer Supermarkt in Flushing, Queens
Main Street, Flushing, Queens
Auf ähnlich paradoxe Art scheint mir in letzter Zeit auch der Stadtteil Queens viel „Newyorkischer“ als Brooklyn, das sich als hippe Alternative so sehr durchgesetzt hat, dass in manchen Gegenden des Stadtteils bereits eine ungemütliche Sättigung von trendy Bars, Cafes und Boutiquen besteht. In Queens dagegen, (für Leser aus Zürich: „dem Altstetten von New York“) scheint das alte, überstrapzazierte Klischee des “Melting Pots” viel lebhafter verkörpert zu sein: An den Einkaufstrassen des traditionell griechischen Astoria trifft man auf Moslems in traditioneller Kleidung, die auf dem Trottoir vor den Cafes Wasserpfeife rauchen. Das Chinatown in Flushing, Queens, ist “authentischer”, weil kaum Nichtchinesen ins relativ weit von Manhattan gelegene Quartier fahren. Und das indische Quartier von Jackson Heights ist um etliches grösser als Little India in Manhattan.
37th Avenue, Jackson Heights, Queens

74th St. Jackson Heights, Queens
74th St. Jackson Heights, Queens
Brautkleider und -schmuck für indische Bräute

Jackson Heights Subway Station der Linie 7

Ich vermute, dass sich diese ethnischen Gruppen in Queens viel ungestörter ausbreiten, weil die in Manhattan tonangebende weisse Oberschicht dort gänzlich fehlt. Gleichzeitig hat Queens nie die totale Verwahrlosung ganzer Strassenzüge durchgemacht wie andere Teile New Yorks. Und letztlich ist Queens für Bohème-Romantiker kaum attraktiv genug, weil die Bausubstanz mehrheitlich recht scheusslich ist: meist kleine Reihenhäuschen mit Vinyl- oder Aluminiumverschalung. (Nur in Long Island City wurden frühere Industriebauten von Künstlern bevölkert, doch weil die Gegend bereits während des vorletzten Baubooms zum Büroquartier umgezont wurde, ist es für Künstler schon lange zu teuer.)
Wenn ich so am Broadway in Astoria oder an der Steinway Avenue der lebhaften Strassenszene zuschaue, scheint die Idee des New Yorker „Melting Pot“ viel „authentischer“ verkörpert zu sein als so manches Quartier in Brooklyn. Es dünkt mich auch grosstädtischer und eigenständiger, weil es vom Kommen und Gehen von ungefähr 2.5 Millionen mittleständischer Immigranten aus allen Himmelsrichtungen der Welt belebt wird, die ihren eigenen Wertvorstellungen und Massstäben folgen und sich herzlich wenig darum kümmern, was gewisse Kunststudenten, Modefachleute und Werber gerade für angesagt halten.....
New Yorker Lädelisterben: Boutiquen gehen massenhaft zu
In New York wird einem Wirtschaftskrise buchstäblich auf Schritt und Tritt vorgeführt. Schlimm ists bei einem Spaziergang durch SoHo und Nolita, wo sich zahlreiche Kleiderboutiquen und Schuhgeschäfte zusammenfinden. Zwar war ich wenig begeistert, als Nolita - zuvor ein stiller Übergangsort zwischen Soho und East Village und Lower East Side - zum Mekka für Boutiquen wurde und auch der hinterletzte Barbershop dem Luxusgeschäft weichen musste. Doch bei einem Rundgang durch Soho und Nolita tut es richtig weh, leerstehende Ladenlokale zu sehen, wo bis vor kurzem noch Schuh- oder Kleiderboutiquen waren. Noch nie waren die Sale-Zeichen so gross und oft handelt es sich nicht um den im Juli jeweils regelmässig stattfindenden Sommerausverkauf, sondern um Totalliquidationen von Boutiquen, die bankrott sind.

Die Boutique Variazioni an der Mulberry Street. Eine von vielen Boutiquen, die konkurs gegangen sind.

In diesem Lokal an der Spring Street, Ecke Lafayette, ging vor nicht allzulanger Zeit ein Schuhgeschäft mit teuren, handgemachter Schuhe auf.....
Zwei leerstehende Geschäftslokale an der Broome Street in SoHo. Nicht nur neuere Geschäfte müssen schliessen. Die erste Filiale des Schuhgeschäfts Sacco - bei Frauen mit grossen Füssen (yours truly trägt Grösse 42) beliebt - die als erste von später 5 Geschäften in Manhattan vor bereits 30 Jahren an der Thompson Street eröffnet wurde, musste schliessen. Die 1920 eröffnete Bäckerei Vesuvio an der Prince Street, die in den letzten Jahren zum Café umgenutzt wurde, sieht ebenso traurig verlassen aus.
Opfer der Schliessungen ist auch Te Casan, ein mehrstöckiges Geschäft am West Broadway, das als ambitioniertes Schuh-Konzept-Geschäft vor knapp zwei Jahren aufging.

Guerilla-Gardening
Auf dem Heimweg vom Union Square Markt entdeckt: Ein sehr rostiges Velo, das statt eines Einkaufskorbs eine Blumenkiste von der Stossstange hängen hatte. Die Blumenkiste war zudem mit "Guerilla-Gardening" und "Bike-Garden" beschriftet. Eine kurze, oberflächliche Google-Recherche ergab, dass der Trend aus London kommt und offenbar auch in Toronto existiert. Mehr über Guerilla-Gardening auf der entsprechenden Webseite.

Erhält Jon Stewarts Daily Show Konkurrenz?
Auf der Webseite der Satire-Zeitung "The Onion" sind neuerdings fiktive Tagesnachrichten zu sehen. Anders als die Daily Show von Jon Stewart - und auf eine etwas andere Art der Steven Colbert Report - werden im Onion weniger die Absurdität der "seriösen" Nachrichten aufgezeigt als völlig frei erfundene Beiträge präsentiert. Damit wird weniger die Ironie des aktuellen Geschehens oder der Berichterstattung dessen, sondern das Format der Nachrichtensendung aufs Korn genommen. Die Inhalte machen sich auf losere Art über die aktuellen Geschehnisse lustig, wie z.B. in einem mit Bierernst inszenierten Nachrichtensegment über den fiktiven Trend der Füttertaschen (Feedbags), die man wie bei den Pferden an den Ohren aufhängen kann, womit das Essen von Fastfood noch leichter gemacht wird und die Anstrengung der Handbewegungen beim Essen eingespart werden können. Bei der Satire-Nachrichten dabei ist Bobbie Battista, die in den achziger Jahren beim Semder CNN als Nachrichtensprecherin gross herauskam.








