Der lang erwartete Dokumentarfilm über die Vogue-Redaktorin Anna Wintour, „The September Issue“, lief in New York am Freitag an. Er ist ganz amüsant zu schauen, aber im Prinzip recht harmlos und nicht sehr lehrreich. Man erfährt nicht viel Neues und es werden leider auch kaum pikante Details verraten. Die „Nuclear Wintour“ wird so eisig gezeigt wie sie anscheinend ist, z.B. wenn sie mit riesigem Aufwand und Einsatz ihrer Untergebenen (passt hier besser als „Mitarbeiter“) hergestellte Modefoto-Geschichten mit einem affektierten Einzeiler aburteilt. Man sieht, wie alle Vogue-Angestellten bibbern vor ihrem Verdikt und sich kaum getrauen, eine eigene Meinung zu haben. Wintour zeigt auch keinerlei Interesse an anderen Standpunkten zu haben. Warum ihr jedoch soviel Autorität zukommt, wird im Film nicht untersucht oder erklärt. Es heisst nur einmal, dass sie den Trend mit den Celebrities als Botschafter der Mode vorausgesehen hätte. (Man erinnert sich kaum an eine Zeit, in der Models die Titelseiten der Modezeitschriften schmückten, nicht Filmstars....).
Warum Wintour nicht nur bezüglich Vogue, sondern bezüglich der gesamten Modewelt soviel Macht besitzt und sowohl grossen Kleiderketten in Amerika wie Couture-Häusern in Paris sagt, wen sie als Designer anstellen sollen, erfährt man nicht. Überraschend ist einzig und allein die Creative Directorin, Grace Coddington, die ebenso lange wie Wintour bei Vogue arbeitet und sich als einzige getraut, Wintour die Stirn zu bieten. Sie ist der unerwartete Star des Films, weil sie offenbar das künstlerische Talent beisteuert, ohne welches es für Wintour gar keine Fotostories zu beurteilen gäbe. Man erlebt mit, wie Coddington – offiziell scheints als beste Stylistin der Welt betitelt - eine Story nach der anderen produziert, die Wintour aus irgendwelchen Gründen wieder herausnimmt und wie Coddington diese Niederlagen elegant wegsteckt.
Über Anna selber erfährt man wenig, ausser, dass sie - wenig überraschend - selber auch ihre Unsicherheiten verbirgt, zumal sie davon ausgeht, dass ihre in der britischen Gesellschaft gut etablierte und beruflich ambitionierte Familie Wintours Tätigkeit bestenfalls „amüsant“ findet. Eine weiche, menschliche Seite verrät nur eine Szene mit ihrer Tochter Bee. Diese und ihr Sohn scheinen als einzige die Fähigkeit zu besitzen, die Wintour zu entwaffnen.
Anna Wintour wie sie an den Modeschauen jeweils zu sehen ist: mit Sonnenbrille und Helmfrisur bewaffnet.

Anna Wintour ausnahmsweise in Schwarz. Links von ihr Grace Coddington
Bilder: Courtesy of Roadside Attractions